Spekulative “If, then” Argumente in der Ethik
Durch die EU Studie bin ich auf einen interessanten Aufsatz von Alfred Nordmann gestoßen: Ignorance at the Heart of Science? Incredible Narratives on Brain-Machine-Interfaces. Nordmann kritisiert die spekulative “If, then” Form der Diskussion um zukünftige Enhancement Technologien. Die Prognosen über die Entwicklung solcher Technologien seien so “incredible” und voller “science fiction” , dass die “credibility” der Wissenschaft teilweise zweifelhaft erschiene. Beispielhaft erwähnt er das molecular manufacturing, welches er mit dem Traum der Alchemisten, Gold herzustellen, vergleicht, sowie die mind-to-mind Kommunikation, die eine direkte Gedanken Übertragung zwischen Personen ermöglichen soll. Alles, so Nordmann, voller conceptual cluelessness.
Gerade bei letzterem Beispiel, der direkten Gehirn zu Gehirn, oder besser Geist zu Geist, Kommunikation, habe ich mich auch oft gefragt, wie so etwas ohne das Verständnis des Verhältnisses zwischen Bedeutung, Semantik und Naturprozessen im Gehirn möglich sein könnte, und davon ist die Philosophie des Geistes weit entfernt. Andererseits können wir auch Emotionen durch Gehirn-Eingriffe wie der Tiefenhirnstimulation verändern, ohne eine allumfassende Erklärung von Emotionen zu haben. Und deswegen erscheint mir die Diskussion über Zukunftstechnologien nicht uninteressant, auch wenn einige der Techniken vlt. nie realiserbar werden. Für Nordmann besteht eine Gefahr darin, dass ” if, then” Argumentationen den Eindruck erwecken können, solche Technologien stünden kurz bevor, was zu einem Fehlleiten von Forschungsgelder und dem Übersehen dringlicherer Probleme führen könnte. Das mag sein, scheint mit aber kein schlagendes Argument gegen “if, then” Diskussionen zu sein: Zum einen entwickelt sich die Technik rasant, zum anderen berührt sie fundamentale Fragen über das Selbst-sein oder die menschliche Natur, dass etwas mehr Zeit zum nachdenken nicht schaden kann.
Einen anderen Punkt Nordmanns finde ich dagegen sehr unterstützenswert. Neulich hörte ich einen Vortrag von Nick Bostrom über die Zukunft der Menschheit, die er mit einem Chart visualisierte. Eine stetig aufsteigende Linie illustrierte den Aufstieg des Menschen prähistorisch bis heute. Bostrom argumentierte, dass alles dagegen spreche, dass der jetzige Punkt das Ende sei – es würde weiter bergauf gehen, wenn keine Katastrophe alles menschliche Leben auslöscht. Irgendwo in dem Chart war eine Linie, die die conditio humana darstellte. Aus diese würde die aufsteigende Linie bald ausbrechen, ganz klar. Was da gemessen wurde und wo die conditio humana herkam, blieb völlig unklar. Nur eines nicht: dass es weiter voran gehe. Als hätte Nordmann diese Präsentation gesehen:
Finally, many skeptics and enthusiasts alike are transfixed by a graph or logarithmic plot that shows the exponential growth of technology as it heads toward a so-called singularity. It is fair to say, I believe, that this graph has credibility neither among historians of technology nor among statisticians. If it nevertheless enjoys credibility and considerable popularity, this is largely due to its apparent similarity to Moore’s Law that describes the rate of progress over the last few decades in the semi-conductor industry but appears to have transmuted intosomething like a law of nature that can be extrapolated into the future.
“There is no stop-button in the race of human re-engineering” suggests that future technology comes upon us like an irresistible force of nature rather than a political and cultural construct.
Die Zukunft will erst noch geschrieben werden.
Ein wegen Promotions- und anderer Krisen nur unregelmäßig gepflegter Blog über ethische und rechtliche Fragen, die durch die Neuro- und Biowissenschaften aufgeworfen werden und in meinen auditiven & visuellen Cortex gelangen. Hinweise, Kommentare und kritisch-kontroverse Gastbeiträge sind gern gesehen. 